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Sind wir die Schöpfer unserer Realität? von
Jörg Starkmuth
Erschienen im September 2005
in "Die
Andere Realität" (Ausgabe 5/6 2005)
Wer sich ein wenig in der Esoterik-Szene umsieht,
stößt eher früher als später auf die Idee, dass wir selbst es
sind, die unsere Wirklichkeit – nicht nur die subjektive, sondern
auch die "Außenwelt" – kraft unseres schöpferischen
Geistes erschaffen oder zumindest erheblich beeinflussen können.
Bestseller wie die Seth-Bücher und die Gespräche mit
Gott haben diese Sichtweise ebenso populär gemacht wie die
Bestellungen beim Universum oder Das LOLA-Prinzip.
Diese Idee ist natürlich reizvoll, verspricht sie doch die
Möglichkeit, die eigene Wirklichkeit weitaus umfassender zu
steuern, als es mit bloßen äußerlichen Taten möglich wäre –
der Weg zum Glück scheint damit nur mehr eine Frage der gezielten
Lenkung der eigenen Schöpferkraft zu sein, durch die die vielen
scheinbaren Zufälle in unserem Leben in die gewünschte Richtung
beeinflusst werden können.
Wie realistisch ist diese Einschätzung? Und was nicht minder
interessant ist: Inwieweit untermauert die Naturwissenschaft
die These vom schöpferischen Bewusstsein?
Wirft man einen Blick in die moderne Physik, so stellt sich
heraus, dass Wirklichkeit und Bewusstsein tatsächlich kaum zu
trennen sind. In der Quantenphysik werden Elementar"teilchen"
– die Grundlage der materiellen Welt – nicht als substantielle
Objekte, sondern als Wahrscheinlichkeitswellen beschrieben.
Erst der Akt der Beobachtung lässt aus einem solchen unscharfen
und im Raum verteilten Gebilde ein reales "Teilchen"
an einem bestimmten Ort entstehen. Wie dieser Übergang vom "Virtuellen"
zum "Realen" genau funktioniert, ist bis heute strittig.
Die am weitesten verbreitete "Kopenhagener Deutung"
wirft gewisse logische Probleme auf, daher wurden verschiedene
alternative Erklärungsmodelle entworfen. Die vielleicht populärste
ist die "Viele-Welten-Deutung", die von der Existenz
zahlloser paralleler Realitäten ausgeht. In jeder dieser Realitäten
haben die Elementarteilchen klar definierte Eigenschaften. Solange
allerdings niemand ganz genau hinsieht, überlagern sich viele
dieser Realitäten zu dem unscharfen Gebilde, das als Quantenwelle
(Wahrscheinlichkeitswelle) bekannt ist. Erst die exakte Beobachtung
einer bestimmten Teilcheneigenschaft zwingt diese zum Erscheinen
– mit anderen Worten: Die alternativen Realitäten werden vom
Beobachter ausgeblendet, so dass nur noch eine übrig bleibt.
Der Beobachter hat diese Wirklichkeit also tatsächlich "erschaffen",
indem er sie aus einer Vielzahl paralleler Realitäten (bewusst
oder unbewusst) "ausgewählt" hat.
Mehrere Realitäten parallel – wie soll das gehen? Physikalisch
ist das kein Problem: Wir benötigen lediglich ein paar zusätzliche
Dimensionen. So wie sich in der dritten Dimension beliebig viele
zweidimensionale Flächen übereinander anordnen lassen (wie ein
Papierstapel), so können in einem höherdimensionalen "Überraum"
tatsächlich beliebig viele dreidimensionale Räume oder eben
auch zahllose Varianten unseres Universums nebeneinander existieren
– ich nenne diesen Raum daher Multiversum. Beziehen wir
auch die Zeit ein (die ja auch nichts anderes als eine Dimension
ist), so lassen sich im Multiversum sämtliche möglichen Entwicklungsgeschichten
des Universums unterbringen.
Wenn nun unser Bewusstsein tatsächlich Realität erschafft,
indem es eine dieser Varianten als seine erlebte Realität "auswählt",
dann können wir uns das Bewusstsein eines Individuums als einen
(körperlosen) reinen Beobachter vorstellen, der durch das Multiversum
wandert und an jeder Position seines Pfades eine neue Variante
der Welt wahrnimmt und damit als seine persönliche Wirklichkeit
(einschließlich seines materiellen Körpers) erschafft. Durch
die sinnvolle Anordnung der erlebten Wirklichkeiten auf einem
durchgehenden Pfad entsteht das, was wir als Zeitablauf erleben.
Aus der höherdimensionalen Perspektive hingegen bewegt sich
hier ausschließlich das beobachtende Bewusstsein, während die
erlebte "Außenwelt" ewig konstant bleibt – das Bewusstsein
nimmt lediglich in jedem Moment einen anderen Ausschnitt des
Möglichkeitsraumes wahr (so wie sich die Landschaft beim Blick
aus einem fahrenden Zug scheinbar ständig "verändert",
obwohl sie sich nicht wirklich bewegt oder ihre Form ändert).
Wie steuern wir uns selbst durch diesen Raum der unbegrenzten
Möglichkeiten? Wenn an den "Bestellungen beim Universum"
etwas dran ist, muss ja eine gezielte Navigation möglich sein.
Tatsächlich gibt es wissenschaftlich einwandfreie Untersuchungen,
die einen solchen (gezielten) direkten Einfluss des Bewusstseins
auf die Realität nachweisen: In Versuchen, bei denen Probanden
per Zufallsprozess erzeugte Zahlen beeinflussen sollten, wurden
statistisch hochsignifikante Verschiebungen des Mittelwertes
nachgewiesen. Zwar war der Effekt so minimal, dass er erst beim
Aufaddieren tausender Versuche sichtbar wurde – dennoch veränderte
sich der Mittelwert bei den meisten Versuchspersonen in die
beabsichtigte Richtung.
Es gibt eine Interpretation der Quantentheorie – die so genannte
transaktionale Deutung –, die, wenn man sie mit der Idee
der parallelen Realitäten kombiniert, ein interessantes Erklärungsmodell
bietet, wie diese gezielte Auswahl bestimmter Realitätsvarianten
funktionieren könnte. Demnach sendet jede bewusste Beobachtung
(also Wahrnehmung) Wellen im Möglichkeitsraum aus, die sich
in die Zukunft und in die Vergangenheit ausbreiten. Trifft nun
eine in die Zukunft laufende Welle auf eine "passende"
Welle, die ihr aus einer der zahllosen möglichen Zukunftsvarianten
entgegenkommt (denn auch in der Zukunft finden ja bewusste Beobachtungen
statt, die Wellen in die Vergangenheit zurücksenden), modulieren
sich diese Wellen rechnerisch so, dass eine hohe Ereigniswahrscheinlichkeit
entsteht. Damit ist für ein Individuum immer diejenige Zukunftsvariante
am wahrscheinlichsten, die inhaltlich zu seiner aktuellen Wahrnehmung
in der Gegenwart passt. So steuert uns unsere eigene Wahrnehmung
durch das Multiversum – wir nehmen wahr, d. h. wir nehmen
uns eine Wahrheit, und zwar immer die, auf die wir unsere
bewusste Aufmerksamkeit richten.
Theoretisch stehen dem wandernden Bewusstein damit alle Möglichkeiten
offen, seine "Außenwelt" und damit sein Schicksal
zu wählen – in der Praxis gibt es jedoch Einschränkungen. Zum
einen sind wir offensichtlich so gestrickt, dass unsere Realität
gewissen logischen Anforderungen genügen muss, d. h. unser
Pfad durch das Multiversum darf keine allzu scharfen Kurven
und schon gar keine Sprünge machen, damit unsere Lebensgeschichte
widerspruchsfrei bleibt. Zum anderen stehen wir mit unseren
Artgenossen in einem ständigen (bewussten wie unbewussten) Informationsaustausch,
der dafür sorgt, dass unsere persönlichen Realitäten (die ja
durchaus nicht ganz identisch sind) so weit zusammenpassen,
dass wir in einer gemeinsamen Welt leben können. Mit anderen
Worten, wir bewegen uns auf mehr oder weniger parallelen Pfaden
durch das Multiversum.
Unser gemeinsamer Realitätsrahmen ist damit nichts anderes
als die (gewählte) Wirklichkeit des kollektiven Bewusstseins
eines "Gruppenwesens" namens Menschheit. Dieses wiederum
ist wahrscheinlich auch wieder Teil einer noch umfassenderen
Bewusstseinsstruktur, die sich hierarchisch bis hin zum allumfassenden
Bewusstsein aufbaut, das man "Gott" nennen könnte.
Wenn allerdings diese höchste Bewusstseinsebene alles
umfasst, was möglich ist, so ist sie zugleich vollkommen strukturlos
– denn die Überlagerung aller möglichen Realitäten ergibt, technisch
gesprochen, ein "weißes Rauschen" ohne Informationsgehalt,
ähnlich wie die Überlagerung zahlloser Radiosender auch nur
Rauschen im Äther erzeugt. Die Buddhisten und Taoisten wissen
es: Gott, das höchste Prinzip, ist endlose Leere. Aber, wie
Laotse sagt: "Aus der Leere kommen tausend Dinge"
– indem sich das allumfassende Bewusstsein in Teilaspekte spaltet,
die jeweils nur begrenzte Ausschnitte des Multiversums wahrnehmen
(so wie ein Radioempfänger einzelne Sender aus dem Rauschen
herausfiltert), entstehen Strukturen, entsteht erlebte Wirklichkeit.
Somit sind auch wir Aspekte Gottes, die aktiv an der Schöpfung
mitwirken.
Je stabiler ein Aspekt der Wirklichkeit, desto umfassender
ist die Bewusstseinsebene, die für seine Erschaffung zuständig
ist. Die Naturgesetze etwa sind sicherlich keine individuelle
Schöpfung, da sie unseren gesamten Realitätsrahmen zusammenhalten.
Dennoch trägt auch unser individuelles Bewusstsein zur Stabilisierung
unserer Wirklichkeit bei. Ich nenne dieses Prinzip Realostat
– wie bei einem Thermostaten ein Regelkreis die Temperatur konstant
hält, gibt es eine simple Regelschleife, die unsere Außenwelt
in normalen Bahnen hält. Sie beruht auf unserem Glaubenssystem:
Ich sehe, was ich glaube – und ich glaube, was ich sehe!
Wenn aber das, was wir wahrnehmen, dadurch eigentlich erst erschaffen
wird, so ist klar, dass wir nur das erschaffen können, an das
wir glauben – allzu starke Abweichungen (auch "Wunder"
genannt) erklärt unsere Wahrnehmung sofort für ungültig, und
sie verschwinden, meist bevor wir sie überhaupt richtig bemerkt
haben.
Das heißt aber auch, dass Wunder bei einem entsprechend flexibleren
Glaubenssystem durchaus machbar sind. Nicht nur die zahllosen
Berichte über Wundertäter und Wunderheilungen, sondern auch
der Erfolg der "Bestellungen beim Universum" sprechen
dafür, dass es jedem Individuum im Prinzip möglich ist, die
Flexibilität seiner "Außenwelt" zu erweitern und erstaunliche
Ergebnisse zu erschaffen. Das kann bis zur Aufhebung von Naturgesetzen
reichen – hierzu muss das individuelle Bewusstsein seinen üblichen
Rahmen sprengen und auf einer höheren Ebene wirken. Dies lässt
sich im Prinzip bis auf die höchste, "göttliche" Ebene
ausdehnen – das Verschmelzen des individuellen mit dem allumfassenden
Bewusstsein, auch "Erleuchtung" genannt. Da wir Aspekte
Gottes sind, besteht der Unterschied zwischen Mensch und Gott
letztlich "nur" in der Wahrnehmungsperspektive.
Warum nun fällt es uns meist so schwer, die Wirklichkeit
zu erschaffen, die wir uns wünschen? Warum gelingen "kleine
Bestellungen" eher als die "wirklich wichtigen"?
Es ist der Realostat in Gestalt unserer Überzeugungen, der uns
im Wege steht – und diese basieren auf Funktionen unseres Gehirns.
Aus welchem Grund auch immer haben wir (als Bewussteinsinstanzen
oder "Seelen") offenbar vor langer Zeit beschlossen,
uns eng an materielle Körper zu binden und unsere Wahrnehmung
weitestgehend auf die Informationen zu beschränken, die das
Gehirn dieser Körper aus den über die Sinnesorgane empfangenen
Daten erzeugt.
Unser Gehirn nun wurde von der Evolution entwickelt, um das
Überleben eines Urmenschenrudels in der Wildnis zu sichern.
Dass wir inzwischen in einer Zivilisation leben, die unser Überleben
weitgehend sichert, hat auf die Gehirnfunktionen wenig Einfluss,
da ein paar tausend Jahre evolutionstechnisch nur ein winziger
Zeitraum sind. Wir reagieren nach wie vor auf das, was unsere
Instinkte uns sagen – und diese gehen nach wie vor von einem
gefährlichen Leben in einem kleinen Rudel in der Wildnis aus.
So ist etwa Ablehnung durch einen anderen Menschen gleichbedeutend
mit der Gefahr, aus dem Rudel ausgeschlossen und damit den Säbelzahntigern
ausgeliefert zu werden. Um uns vor solchen Gefahren zu schützen,
erzeugen unsere Instinkte Ängste.
Ängste wiederum lenken unsere Wahrnehmung auf drohende Gefahren
(ob diese nun real sind oder – wie fast immer in der heutigen
Zeit – eingebildet). Und unsere Wahrnehmung erschafft Realität!
Wir können daher noch so oft einen Lottogewinn beim Universum
bestellen – solange dieser Wunsch von der Angst vor Armut (für
unsere Instinkte gleichbedeutend mit Verhungern oder sozialer
Ausgrenzung) oder Fluchtinstinkten vor unserem Job motiviert
ist und nicht von der puren Lust auf Reichtum, wird unsere Wirklichkeit
immer nur das widerspiegeln, was wir eigentlich loswerden wollen.
Solange wir also nicht erkennen, dass wir in der heutigen
Zeit nicht mehr wirklich in Gefahr sind (weil uns ein schier
endlos großes "Rudel" mit effektiven Sicherheitsstrukturen
und Kontaktmöglichkeiten zur Verfügung steht), wird unsere Realität
von unseren Ängsten bestimmt. In der Kürze dieses Beitrags leuchtet
das vielleicht nicht ein, aber die neuesten Ergebnisse der Glücksforschung
sprechen klar dafür, dass so gut wie alle unsere negativen Gefühle
auf derartige Irrtümer unseres Gehirns zurückzuführen sind.
Es nützt also nichts, die Außenwelt durch herkömmliche oder
esoterische Maßnahmen so verändern zu wollen, dass dadurch unsere
Probleme gelöst werden und wir dann endlich glücklich sein können
– es funktioniert nur anders herum: Wenn wir erkennen, dass
wir gar keinen Grund haben, unglücklich zu sein, lösen sich
die "Probleme" (die ja gar keine sind) von selbst
auf, und die Außenwelt passt sich unserer positiven Sichtweise
an. Dann werden vielleicht sogar Wunder möglich – auch wenn
wir sie gar nicht brauchen, um glücklich zu sein.
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